Rohstoffe: China – Der Drache schielt aufs IWF-Gold

Magazin — Von BNP Paribas am 16. März 2010 um 10:05

Drei Monate, nachdem Indien mit dem Kauf von 200 Tonnen Gold vom Inter­na­tionalen Währungsfonds Schlagzeilen machte, hoffen Goldhändler auf die nächste „goldene“ Nachricht im Jahr 2010. Wird China das restliche Gold kaufen, das der IWF im letzten Jahr zum Verkauf stellte?

Die Goldbugs, wie Anhänger des Edelmetalls in Insiderkreisen auch genannt werden, hoffen darauf, dass sich das Land des Drachen das restliche IWF-Gold unter den Nagel reißt. Indien hat im November vergangenen Jahres insgesamt 200 Tonnen IWF-Gold für 1.045 Dollar pro Unze gekauft und damit einen Sprung im Goldpreis auf ein neues Rekord­hoch bei 1.227,50 Dollar mit verursacht. Seither geht es volatil auf und ab – doch das Rekordhoch wurde nicht mehr erreicht. Am 8. Februar kostete die 31,3 Gramm-Einheit des Edelmetalls 1.071 Dollar.

IWF-Gold: Genaue Verkaufsbedingungen
Im vergangenen Jahr hat der IWF dem umstrittenen Verkauf von einem Achtel seiner Goldbestände zugestimmt. „Strikt limitierte 403,3 Tonnen“ sollen an den Markt gegeben werden, und zwar so, dass dieser „nicht gestört“ wird. Käufer, die das Gold haben wollen, müssen dem IWF Preise zahlen, die gerade am Markt ge­handelt werden. Die große Frage ist nun, ob China zu 1.100 bis 1.150 Dollar gewillt ist, das restliche Gold, insgesamt 203 Tonnen, dem IWF-Verkaufsprogramm abzunehmen. Die Nachricht über einen Kauf durch die Chinesen würde den Goldpreis sicherlich stützen. Immerhin hat die Bekanntgabe des Verkaufs den Goldpreis zunächst belastet. Als dann aber Indien beherzt zugriff, haben sehr viele Zweifler verstanden, dass sich die Zeiten geändert haben. Zentralbanken werden seither am Markt als Nachfrager und nicht mehr als Anbieter von Gold angesehen.

Der Kauf zu jetzigen Kursen würde bedeuten, dass China den gleichen Preis bezahlt wie zuvor auch Indien. China muss sich beeilen, denn die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten zehn Jahren 10.000 Tonnen Gold in seine Wäh­rungs­reserven zu le­gen. Das macht 1.000 Tonnen pro Jahr, und das ist nicht gerade wenig. Immerhin liegt die weltweite Jahres­produktion bei nur 2.400 Tonnen, während die Nachfrage 3.600 Tonnen er­reicht. Die Versorgungslücke wurde bisher unter anderem durch Altgold, aber auch durch Zen­tralbankverkäufe gedeckt. Dass Zentral­ban­ken jetzt zukaufen, ist aus diesem Grund besonders entscheidend.

Hinzu kommt, dass die Währungshüter Chinas nur wenig Gold, aber viel Papiergeld besitzen. Der Goldanteil an den Devisen­reserven liegt mit schätzungsweise 1,8 Pro­zent weit unter dem Durchschnitt westlicher Nationen, obwohl Chinas florierende Wirt­schaft Gegenteiliges nahelegen würde. Zum Vergleich: Deutschland hält 52,4 Pozent der Währungsreserven in Gold.

Nur nicht zu viel bezahlen
China fürchtet einen zu hohen Preis für die Goldkäufe zu zahlen. „Jetzt sollten wir nicht kaufen. Wir sollten lieber darauf warten, bis der IWF das nächste Mal Gold verkauft, wenn der Preis auf ein moderates Niveau gefallen ist, sagen wir auf 800 Dollar pro Unze“, sagte Wie Benhua, früherer Chef der chinesischen Behörde für Devisenverkehr, kurz SAFE.

Mehrere Zentralbanken, darunter die Russlands, Brasiliens und Sri Lankas haben ihr Interesse am IWF-Gold angemeldet. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Indien den ganzen Rest nehmen wird. Alle halten sich aber zu­nächst zurück – vermutlichweil sie eine Norma­lisierung des Preis­niveaus, sprich: fallende Preise erwarten.

China ist schon das zweite Jahr in Folge der größte Goldproduzent der Erde. Zudem soll die Volksrepublik laut dem britischen Metall-Research-Dienst GFMS in diesem Jahr zum größten Goldkon­sumenten der Erde aufsteigen und damit Indien auf den zweiten Platz verweisen. Wenn es um Gold geht, führt kein Weg mehr an China vorbei.

Festzuhalten bleibt aber: China ist nicht bereit, Gold zum aktuellen Marktpreis zu kaufen. Man kann davon ausgehen, dass China das Gold haben will, aber nur zu günstigeren Preisen. Gold ist durch das chinesische, aber auch durch das internationale Kaufinteresse der Zentralbanken auf der Unterseite gut unterstützt. Die größte Gefahr liegt beim Goldpreis darin, dass die Invest­ment­nach­frage abflaut und keine so starke Stütze mehr für den Preis darstellt wie noch im vergangenen Jahr.

Gold und die Inflation
Eine interessante Studie haben Analysten der Citigroup veröffentlicht. Darin gehen sie davon aus, dass der Goldpreis anfällig für eine größere Korrektur ist, wenn die Inflation nicht bald steigt. Die Analysten weisen darauf hin, dass Gold traditionellerweise sehr empfindlich auf die Entwicklung der Inflations­erwartungen reagiere. Diese Inflationserwartungen sind zuletzt auf den höchsten Stand seit zehn Jahren gestiegen, während die Gesamt­inflation in den USA den niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren erreichte. Die Analysten warnen davor, dass bei einer weiter anhaltenden Enttäuschung der Inflations­erwartungen viele Inves­toren reflexartig Gold verkaufen könnten, weil sie sich schließlich eingestehen müssten, Gold verfrüht oder gar fälschlicherweise gekauft zu haben. Die Inflation müsste deutlich steigen und die Inflationserwartun­gen erfüllen, sodass das jetzige Preisniveau beim Gold als gerechtfertigt angesehen werden könne.

Erdöl: Volatilität könnte stark zunehmen
Am Ölmarkt wechseln sich vier Analyse­modelle in ihrer Bedeutung ab. Makroöko­nomische Modelle, die versuchen, über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung auf die Ölnachfrage rückzuschließen; Terminmarktmodelle, die die Positionierung von Inves­toren und die Terminkurve auswerten; Fundamentalmodelle, die Angebot und Nachfrage von Öl sowie die Lagerbestände untersuchen und – derzeit besonders wichtig – technische Modelle, zu denen auch Trend­folgemodelle zählen. Letztere haben maßgeblich dafür gesorgt, dass der Ölpreis seit März 2009 immer weiter ansteigen konnte. In­vestoren kauften Öl vor allem deswegen, weil ein Aufwärtstrend vorlag. Dieser Aufwärts­trend liegt weiter vor, solange WTI nicht unter 68,59 US-Dollar fällt. Dann dürften viele dem Trend folgende Investoren ausgebremst werden, was zu einer größeren Korrektur führen würde.

Trotz Korrekturrisiko darf die Saisonalität nicht außer Acht gelassen werden. Eine Untersuchung des Preisverlaufs von Erdöl in den vergangenen 24 Jahren zeigt, dass die Monate März bis September normalerweise steigende Ölpreise mit sich bringen. Das liegt zum einen an der Reisezeit im Sommer; dann steigt die Benzin- und Dieselnachfrage kräftig. Hinzu kommt der erhöhte Strom­ver­brauch durch Klimaanlagen. Außerdem be­ginnen die Terminmärkte im Sommer, das Risiko von Stürmen während der atlantischen Hurrikansaison vorwegzunehmen. Geologen warnen wegen des Klimawandels vor einer Zunahme der Häufigkeit besonders schwerer Wirbelstürme. Zunächst verlief die Hurrikan­saison 2009 aber glimpflich. Aber: „Das langfristige Hurrikanrisiko wird nicht in einer einzelnen Saison manifest. Viele Experten sind davon überzeugt, dass der Klimawandel die Hurrikangefährdung bereits erhöht hat“, erläutert Peter Höppe, Leiter der Geo­Risiko­Forschung bei der Münchener Rück.

Das El Nino-Risiko
Vermutlich habe El Nino die Wind­geschwin­digkeiten in den höheren Atmosphären­schichten über dem Atlantik gedrosselt und so das Entstehen von Wirbelstürmen verhindert. Das könnte sich 2010 ändern. El Nino hat im Dezember einen Höhepunkt erreicht, glauben Forscher des australischen Wetter­büros. Bis zum Sommer soll El Nino fast abgeklungen sein. Das könnte die Gefahr von Hurrikans erneut verschärfen. Auch wenn es dann nicht zu wirklichen Schäden kommt, die preislichen Auswirkungen saisonaler Gesetze sollten Anleger, die auf fallende Kurse setzen wollen, auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.

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Autor:
Jochen Stanzl
RohstoffReport
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