Rohstoffe: Asien auf dem Vormarsch

Magazin — Von BNP Paribas am 11. Juni 2010 um 15:35

Märkte bewegen sich. Gold wurde einmal hauptsächlich in Spanien ge­handelt, später in Antwerpen, dann in Amster­dam und heute in London. Jahrzehntelang wurde Eisenerz nach jährlichen Vertragspreisen gehandelt, bis die immer schneller anziehende Nachfrage Chinas dieses Quotensystem brach. China verbraucht heute dreimal so viel Kupfer wie die USA. Das sind nur drei Beispiele, die belegen, wie sich das Schwergewicht im Rohstoffgeschäft immer stärker nach Asien verlagert. Seit der Jahrtausend­wende steigt auch der Handel mit Terminkontrakten und Optionen scheinbar unaufhaltsam an. Allein in den zurückliegenden fünf Jahren hat sich das Volumen mehr als verdoppelt. Zwei­stellige Zuwachsraten stellten nicht die Ausnahme, sondern die Regel dar. Da­ran konnte auch die Finanzkrise nichts ändern. Trotz der starken Verwerfungen ist das globale Handelsvolumen selbst im Krisenjahr 2009 weiter angestiegen, wenn auch nur um magere 0,1 Prozent.

Allerdings ist der marginale Anstieg allein auf die gute Entwicklung an den asiatischen Handelsplätzen zurückzuführen. Während an den Börsen in Europa und den USA deutliche Zurückhaltung auszumachen war, steigerten Händler an den asiatischen Terminmärkten ihre Aktivität erneut. Insgesamt wurde an den asiatischen Börsen rund ein Viertel mehr Terminkontrakte und Optionen als im Vorjahr gehandelt, rechnet die Futures Industry Association (FIA) vor. Dagegen verringerte sich der Handel in Europa und Nordamerika um jeweils rund 9 Prozent.

Verschiebungen im Rohstoffhandel
Experten interpretieren diese Entwicklung als klaren Hinweis auf eine Verschiebung der Strukturen im globalen Handel. Zwar vereinen die „westlichen“ Handelsplätze noch immer mehr als die Hälfte des weltweiten Handels auf sich (57,38 Prozent), aber die asiatisch-pazifischen Börsen holen rasant auf (35,06 Prozent). Gemessen an der Zahl der gehandelten Terminkon­trakte und Optionen, nahm die Korea Stock Exchange im vergangenen Jahr den Spitzen­platz ein und stieß die bisherigen Platzhirsche CME Group (inkl. CBOT und Nymex) und EUREX (inkl. ISE) vom Thron.

Besonders in Indien und China steigt das Volumen extrem dynamisch an. Die Multi Commodity Exchange of India (MCX) verzeichnete Zuwächse von 273 Prozent, die Shangai Futures Exchange (SHFE) brachte es auf 210 Prozent.

Agrar belegt in China Spitzenplätze
In China konzentriert sich das Wachstum vor allem auf Rohstoffderivate. Obwohl beispielsweise der Handel mit Terminkontrakten auf Beweh­rungsstahl (steel rebar) erst im April 2009 aufgenommen wurde, reichte es auf Anhieb für den globalen Spitzenplatz: Mit insgesamt 161,3 Millionen Kontrakten wurde im vergangenen Jahr kein anderer Rohstoff­kontrakt häufiger gehandelt. Beim Umsatz von Derivaten auf Agrarrohstoffe halten die chinesischen Börsen ohnehin unangefochten die Spitzenposition: Die Futures auf Sojabohnenmehl, Zucker, Sojabohnenöl und Kautschuk belegen in selber Reihenfolge die Spitzen­position. Die Fokus­sierung auf den Rohstoffhandels ist auch eine Folge der staatlichen Regulierung: Erst seit diesem Jahr wird der Handel mit Aktienindexfutures von der staatlichen Regulierungskommission gestattet.

Manche Marktbeobachter halten deshalb einen gewaltigen Umsatz­sprung an den chinesischen Börsen für möglich. Die Invest­mentbank Morgan Stanley prognostizierte Anfang des Jahres einen potenziellen Um­satz­zuwachs von 50 Prozent. In China selbst stecken manche Analysten die Ziele noch höher: Mit Rückenwind der Index­futures könne man die USA kurz- bis mittelfristig beim Handelsvolumen überbieten, sind sie sich sicher. Tatsächlich ist es China im vergangenen Jahr erstmals gelungen, den Rivalen Japan beim Aktienhandel zu überholen. Während in Tokio täglich durchschnittlich rund 15 Milliarden US-Dollar umgesetzt wurden, brachte es die Börse Shanghai auf 18 Milliarden US-Dollar. Das ist zwar noch ein gutes Stück niedriger als der Umsatz der New York Stock Exchange von 27 Milliarden US-Dollar. Dennoch scheint der Trend den chinesischen Optimisten in die Hände zu spielen. Ob sich die globale Dominanz der westlichen Finanzplätze noch über Jahre fortschreiben wird, erscheint zumindest vor diesem Hintergrund zunehmend fraglich.

Kursziele für das Öl
Für Brent ging es knapp unterhalb der 88,00-Dollar-Marke in den vergangenen Wochen nicht weiter. Nach einem Rücklauf bis über die wichtige Marke von 82,45 Dollar wurde dieses Niveau auch an den Vortagen nicht nach oben durchbrochen. Es läuft ein weiterer Test des mittelfristig maßgeblichen Auf­wärts­trends. Solange sich Brent darüber halten kann, ist ein baldiger An­stieg bis in den Be­reich 90,00 Dollar zu favorisieren. Ein kleines Kaufsignal bietet sich dafür wieder oberhalb von 88,00 Dollar. Geht es allerdings unter die 85,00-Dollar-Marke auf Schlusskursbasis, wird ein schneller Test der 82,45-Dollar-Marke wahrscheinlich.

Gold: 1.300 Dollar sind möglich
Der Goldpreis konnte seine Dollarkopplung in den vergangenen Wochen aufgeben. Traditionell fällt der Goldpreis, wenn der US-Dollar aufwertet, und umgekehrt. In den vergangenen Wochen, als der Euro zum Dollar immer weiter an Wert verlor, konnte der Goldpreis in Dollar gerechnet eine relative Stärke auf­bauen. Bei Gold geht es nun wieder aufwärts. Angesichts der Unsicherheiten um Länder­risiken sorgen vor allem ETF-Käufe für zusätzliche Nachfrage bei den Käufern. Nach einem Rücklauf auf die exponentielle gleitende Durchschnittslinie auf 50 Tage konnten sich die Notierungen bereits in der vergangenen Woche nach oben schieben und auch ein neues mittelfristiges Hoch erreichen. Ein nachhaltiger Bruch der 1.162-Dollar-Marke könnte gelingen und damit eine Verschärfung der Rallye in Richtung 1.226 Dollar einleiten. Dies bleibt noch abzuwarten. In jedem Fall ist die Aufwärtsbewegung insgesamt oberhalb von 1.130 Dollar klar intakt. Erst darunter kommt es zu ersten kleinen Verkaufssignalen.

Silber: Fast im Gleich­schritt mit Gold
Der Preis von Silber hinkt der Entwicklung des Goldpreises nun wieder hinterher, was aber noch nicht bärisch zu werten ist. Es gelang hier mit dem Rücksetzer der Vorwochen zunächst der bullische Pullback auf den gebrochenen Abwärtstrend sowie die 17,64 Dollar. Die Notierungen hebelten dort wieder nach oben. Nachdem bisher kein neues Hoch erreicht wurde, muss auch ein weiterer Pullback auf den Abwärtstrend bis 17,50 Dollar mit einkalkuliert werden. Erst darunter auf Schlusskursbasis gerät das bullische Setup mittelfristig in Gefahr. Bisher bleibt ein Anstieg in den kommenden Wochen bis in den Bereich 19,46 Dollar das favorisierte Szenario.

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Autor:
Jochen Stanzl
RohstoffReport
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