Rohstoffe: Kakaomarkt – Droht ein strukturelles Defizit?
Magazin, Titelseite — Von BNP Paribas am 31. Juli 2010 um 12:08Die Kakaonotierungen an der Londoner Terminbörse haben Anfang Juni den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1989 markiert. Als Grund für den Anstieg nennen Experten magere Ernteerträge, die auf eine robuste Nachfrage treffen. Nach Schätzungen der niederländischen Fortis Bank ist für das Erntejahr 2009/2010 ein Defizit von 124.000 Tonnen auf dem Weltmarkt zu erwarten. Ob das derzeitige Preisniveau mittelfristig gehalten werden kann, bleibt dennoch fraglich: Schon im kommenden Erntejahr könnte das Defizit wieder von einem Überschuss abgelöst werden. Langfristig muss sich der Markt allerdings wohl an hohe Preisniveaus gewöhnen.
Den aktuellen Preisanstieg in erster Linie auf die zunehmende Aktivität spekulativer Finanzinvestoren zurückzuführen, wie es beispielsweise einige Schokoladenproduzenten kolportieren, greift mit Sicherheit zu kurz. Tatsächlich gibt es eine Reihe von guten Argumenten, die für ein dauerhaft hohes Niveau der Notierungen sprechen. Diese lassen sich sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite finden. Wohl am häufigsten diskutiert werden die anhaltenden Probleme in dem mit Abstand wichtigsten Produzentenland Elfenbeinküste, aus dem mehr als 40 Prozent der Weltproduktion stammen. Die diesjährige schlechte Ernte ist nicht etwa als Ausrutscher zu interpretieren, sondern als Ergebnis einer verfehlten Politik und als Ausdruck tiefgreifender struktureller Probleme. Die anhaltenden politischen und sozialen Probleme stellen die Kakaobauern vor große Schwierigkeiten. In der Folge wenden sich immer mehr Landwirte vom Kakaoanbau ab und steigen auf andere Produkte um. Zudem wird die Pflege der Baumbestände vernachlässigt und der im internationalen Vergleich geringe Düngemitteleinsatz beibehalten. Die Plantagen des Landes werden häufig auf Verschleiß gefahren und drohen zunehmend zu überaltern. Viele Bäume sind bereits mehr als 30 Jahre alt, was sich in immer geringeren Erträgen niederschlägt. Entsprechend rechnen Experten auch bei günstigen Wetterverhältnissen lediglich mit geringfügigen Ausweitungen der Erntemengen in den kommenden Jahren.
Grundsätzlich kann die Kakaoproduktion ohnehin nur mit deutlichen Verzögerungen auf Veränderungen der Preise bzw. der Nachfragesituation reagieren. Kakaobäume brauchen mindestens vier Jahre, bevor sie erste Bohnen tragen.
Das führt auf Seiten der Landwirte zu deutlich langsameren Reaktionsgeschwindigkeiten als bei anderen Produkten wie beispielsweise Weizen und Mais. Erst bei länger andauernden Preissteigerungen kommt es zu größeren Anpassungen auf der Angebotsseite. Diese erreichen den Markt erst mit mehrjähriger Verzögerung, sind aber dafür im Gegenzug vergleichsweise langlebig. Als eines der Musterbeispiele für geglückte Produktionssteigerungen gilt Ecuador. In den vergangenen Jahren wurde mit kräftiger Unterstützung der Regierung und der nationalen Kakaoexportvereinigung „Anecacao“ ein beträchtlicher Anteil der alten Baumbestände durch neue, ertragsstärkere und schädlingsresistentere Sorten ersetzt. Innerhalb von nur drei Saisonen stiegen – dank Projekten, die teilweise bis ins Jahr 2002 zurück reichen – die Produktionszahlen um rund 40 Prozent auf geschätzt 165.000 Tonnen im Erntejahr 2009/2010. Voraussetzung für den Erfolg des Programms war allerdings die breite Unterstützung der Kleinbauern bei der Umsetzung durch professionelle Beratung und Betreuung in Kombination mit finanziellen Hilfen und steuerlichen Anreizen.
Trotz der verwandten Produktionsstrukturen erscheint ein ähnliches Programm für das Sorgenkind des Kakaomarktes Elfenbeinküste aktuell beinahe undenkbar. Noch immer halten Rebellen faktisch die Kontrolle über Teile des Landes, der Demokratisierungsprozess stockt. Die Behörden sind zutiefst korrupt und verfügen teilweise weder über das notwendige Wissen noch den Willen, um ein vergleichbares Projekt umsetzen zu können. Die Misere ist so groß, dass sich sogar der ansonsten als wenig altruistisch bekannte Lebensmittelriese Nestlé zum Handeln gezwungen sieht. Das Forschungs- und Entwicklungszentrum des Konzerns in Abidjan plant, pro Jahr eine Million Kakaosetzlinge an die Bauern zu verteilen. Auf diese Weise soll zumindest ein Teil der erwarteten künftigen Ernteminderungen abgefedert werden. Alleine die Tatsache, dass sogar die Industrie eingreift, um Rohstoffproduzenten zu unterstützen, weist auf die Tragweite der Probleme hin: Die Schokoladenproduzenten fürchten ein mittelfristiges strukturelles Defizit auf dem Kakaomarkt, vor allem aber die Möglichkeit einer damit einhergehenden Preisexplosion.
Im Gegensatz zur fluktuierenden Angebotsseite weist die Nachfrageseite einen langjährigen stabilen Aufwärtstrend auf. Selbst die schwere Rezession des vergangenen Jahres hat den Schokoladenkonsum in den OECD-Ländern nur geringfügig gemindert. Da neben der Weiterverarbeitung zu Schokolade auch eine Reihe anderer Produkte auf Basis von Kakaobohnen hergestellt werden, wird üblicherweise die Menge der vermahlenen („grinding“) Kakaobohnen als Indikator für den Verbrauch herangezogen. Nach Schätzungen der Fortis Bank könnte die Vermahlung im Zeitraum 2008/2009 um 6 Prozent zurückgegangen sein. Daraus jedoch auf einen niedrigeren Konsum zu schließen, halten die Experten für verfrüht: Der Rückgang sei wahrscheinlich in erster Linie durch den Lagerabbau von Herstellern und Händlern ausgelöst worden und nicht durch geringeren Konsum.
Anscheinend ist der Lagerabbauzyklus mittlerweile beendet und die Produzenten und Händler gehen in den Lageraufbauzyklus über. Darauf deuten zumindest die neuesten Zahlen für das erste Quartal 2010 hin: Nach Angaben der „European Cocoa Association“ (ECA) ergab sich im Vergleich zum ersten Quartal 2009 in Europa ein Zuwachs um 8,1 Prozent. Deutlich positiver entwickelte sich der kleinere nordamerikanische Markt, für den ein Plus von mehr als 16 Prozent gemeldet wurde. Insgesamt zeigte sich auf allen Kontinenten außer Afrika eine ausgesprochen freundliche Tendenz. Sollten sich die optimistischen Wirtschaftswachstumsprognosen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) bewahrheiten, wäre in den kommenden Quartalen mit einer weiteren Dynamisierung zu rechnen. Laut einer recht unscharfen Faustformel steigt der Kakaoverbrauch der Industrieländer in etwa analog zum Wirtschaftswachstum.
Das stellt jedoch alleine genommen noch keinen Anlass für übertriebenen Optimismus dar. Schließlich soll der größte Wachstumsbeitrag von den Schwellenländern beigesteuert werden, vor allem von den asiatischen Volkswirtschaften. Das Wachstum in den OECD-Ländern soll allen gängigen Prognosen zu Folge mit durchschnittlich etwa zwei Prozent deutlich schwächer ausfallen, wodurch auch die kurzfristig möglichen Nachfragezuwächse für Kakao begrenzt werden. Schließlich konsumiert diese Ländergruppe mit weitem Abstand den meisten Kakao. Auf die mittlere und lange Frist ergibt sich jedoch ein vollkommen anderes Bild: Die Schwellenländer haben enormes Aufholpotenzial bezüglich der Nachfrage. Der absehbare Trend zur partiellen Angleichung der Konsummuster in Ost und West stellt eine Zeitbombe für den Kakaomarkt dar. Sollten beispielsweise die chinesischen Konsumenten in den nächsten Jahren auch nur ein Zehntel des deutschen Pro-Kopf-Verbrauchs von mehr als 11 Kilogramm pro Jahr nachfragen, würde das fragile Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage vollkommen kippen. Selbst im Basisszenario ohne deutliches Nachfragewachstum der Schwellenländer müssen nach Schätzungen der Fortis Bank jedes Jahr 100.000 Hektar zusätzlich mit Kakaobäumen bepflanzt werden, um ein strukturelles Defizit abwenden zu können. Momentan ist der Markt davon allerdings noch weit entfernt.
Passende Produkte: WKN BN14FV, WKN BN2MKZ, WKN BN3RZ7
| Autor: Jochen Stanzl |
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