Gute Gründe für tiefere Kurse

Meinungen — Von BNP Paribas am 5. August 2010 um 11:00

Kaufargumente sind für Aktien, Währungen oder Edelmetalle leicht zu finden. Viel schwieriger ist es, gute Verkaufsargumente zu identifizieren. Doch diese sind unerlässlich, wenn Anleger Discount Puts oder Put-Optionssscheine sinnvoll einsetzen möchten.

Staatsschulden sind das dominierende Thema in diesem Jahr. Kurzfristig halten wir zwar das Risiko einer Staatspleite für übertrieben. Aber die längerfristigen Folgen der hohen Defizite werden noch unterschätzt.

Die jüngsten Kurseinbrüche an den Aktienmärkten haben uns gezeigt, dass die Finanzmärkte die Folgen hoher Staatsschulden ernst nehmen und keine weitere Verschlechterung tolerieren. Erste drastische Sparpakete sind bereits verabschiedet worden.

Für die Wirtschaft und die Aktienmärkte sind die Konsequenzen sehr real: Unsere Analysten rechnen damit, dass die erforderliche Konsolidierung der Staatshaushalte in Europa zwischen 0,6 und 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukt-Wachstums bis zum Jahr 2014 kosten wird. Hinzu kommen die Belastungen aus der Veränderung der Altersstruktur in der europäischen Bevölkerung. Das beste Szenario bei diesen Perspektiven ist ein langsames Wachstum. Und damit stellt sich Anlegern eine neue Frage: Bei welchen Aktien werden die Kurse in den kommenden Jahren kaum steigen – sondern mit einiger Sicherheit eher fallen? Wir haben zwei Bereiche gefunden: Zum einen werden sehr zyklische und jetzt überbewertete Aktien ihre Kursprämien nicht halten können. Sie zählen zu den Verkaufskandidaten bzw. sind ideal für Short-Produkte. Zum anderen ist unser Ausblick eher negativ für Unternehmen, die einen nennenswerten Umsatzanteil mit staatlichen Stellen machen. Diese Firmen dürften mittelfristig unter Druck geraten, weil viele Budgets zusammengestrichen werden.

Short-Kandidaten: Zykliker
Etliche zyklische Aktien sind bereits wieder so hoch bewertet wie vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Kurse nehmen einen «klassischen» Aufschwung vorweg. Bezogen auf die Gewinnschätzungen für das nächste Jahr liegt die Prämie bei den Zyklikern aktuell durchschnittlich bei 10 Prozent. Der Durchschnitt der letzten 18 Jahre zeigt indes einen Abschlag von 14 Prozent gegenüber dem Gesamtmarkt. Zyklische Aktien sind im längerfristigen Vergleich tendenziell eher unterbewertet. Jetzt ist das anders und die hohe Prämie widerspiegelt viel Optimismus, der unserer Ansicht nach nicht gerechtfertigt ist. Wenn Anleger heute solche Prämien zahlen, erwarten sie einen lange anhaltenden, robusten Erholungszyklus, von dem die Zykliker besonders stark profitieren.

In einer allenfalls langsam wachsenden Wirtschaft ist dieser Optimismus unserer Ansicht nach nicht gerechtfertigt und eine Neubewertung mit der Folge deutlich tieferer Aktienkurse erscheint uns unvermeidlich. Wir haben deshalb eine Reihe von Basiswerten in Europa ermittelt (siehe Tabelle 1), auf welche die folgenden Kriterien zutreffen: Sie sind stark zyklisch, der größte Teil des Umsatzes wird in Europa (und nicht in aufstrebenden Märkten) erwirtschaftet, die Notierungen liegen nahe den historischen Höchstständen und die Bewertung beziehungsweise das Kurs-Gewinnverhältnis ist aktuell überdurchschnittlich hoch.

Tabelle 1

Short-Kandidaten: Firmen mit hohem staatlichen Umsatzanteil
Unter normalen Umständen ist ein hoher staatlicher Umsatzanteil ein Vorteil, wenn das Bruttoinlandsprodukt eines Staates sinkt. Denn in den letzten zwei Jahren haben die staatlichen Stimulierungsmaßnahmen in etlichen Fällen die wegbrechenden Aufträge und Umsätze von Firmen- und Privatkunden ausgebügelt.

Aber in Zeiten von drastischen staatlichen Sparkursen ist das Gegenteil der Fall. Für Firmen, die von staatlichen Aufträgen leben, bedeutet das sowohl weniger Vertragsabschlüsse als auch niedrigere Preise für die gelieferten Waren und Dienste. Bereits jetzt zeichnet sich in einigen Ländern ein harter Preiskampf der verbliebenen Anbieter um die wenigen verbliebenen Aufträge für Straßen, Brücken und Gebäude ab. Und auch etliche Verteidigungsministerien prüfen gegenwärtig ihre Rüstungsvorhaben und bestellen alles ab, was sie ohne Konventionalstrafen annullieren können.

Wir haben eine Liste mit europäischen Aktien zusammengestellt (siehe Tabelle 2), die unserer Ansicht nach überdurchschnittlich unter Druck kommen dürften, weil sie entweder, wie etliche Infrastrukturunternehmen oder Rüstungszulieferer, von staatlichen Aufträgen direkt profitieren oder, wie im Healthcare-Bereich, indirekt von diesen staatlichen Trägern (Krankenkassen) leben. Hinzu kommen etliche Firmen, bei denen der Staat ein wichtiger Mitbesitzer ist. Hier könnten Aktienanteile zusätzlich auf den Markt kommen und die Kurse der Aktien unter Druck bringen.

Tabelle 2

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