2012: ein besseres Jahr für Rohstoffe?

Feature, Magazin, Titelseite — Von BNP Paribas am 25. Januar 2012 um 15:58

Die drei Regionen Europa, Asien und USA scheinen sich zunehmend voneinander zu entkoppeln. Jede der drei Regionen hat ihre eigenen Probleme, und obgleich alle drei Regionen wegen der zunehmenden Globalisierung voneinander abhängig sind, dürften sich ihre Börsen nicht mehr gleichmäßig entwickeln.

China hat die Wirtschaft gebremst, um die sozial brisanten Konsumentenpreise unter Kontrolle zu bringen. Sie stiegen im Sommer um 5,5 %, und auch wenn die Inflation sich bis Dezember wieder auf 4,2 % verringert hat, sind die Währungshüter in Peking weiterhin in Habachtstellung. „Wir sehen Abwärtsdruck in unserer Konjunktur und gleichzeitig erhöhte Inflationsraten“, kommentierte etwa der chinesische Premier Wen Jiabao die Lage. Zwar signalisierte die chinesische Notenbank durch eine Senkung der Barreservesätze im Dezember die Bereitschaft, die Geldpolitik wieder zu lockern. Diese Lockerung wird aber vermutlich eher gemächlich und vorsichtig vonstattengehen und dürfte keine deutlichen neuen Wachstumsimpulse im Jahr 2012 bringen. Ob Chinas Wirtschaft dabei ins Stocken gerät, ist eine Angst, die auch die benachbarten asiatischen Volkswirtschaften in ihrem Bann hält.

Die europäische Staatsschuldenkrise ist zunächst etwas gelindert worden durch die Bereitstellung von dreijährigen Refinanzierungskrediten durch die Europäische Zentralbank. Diese bot europäischen Banken Kredite in beliebiger Höhe zu einem Zinssatz von einem Prozent an, was half, die Liquidität des Bankensektors in Europa zu verbessern und die Furcht vor Bankenpleiten zu dämpfen. Allerdings dürfte damit die Euro-Schuldenkrise nicht beendet sein, und es ist wahrscheinlich, dass die Probleme weiterhin die Titelblätter der Finanzzeitungen beherrschen. Vor diesem Hintergrund dürfte Europa zu keinen großen Wachstumssprüngen in der Lage sein. Die französische Statistikbehörde sieht die Eurozone Ende Dezember bereits in der Rezession. Die europäische Statistikbehörde ist etwas optimistischer und erwartet ein Wachstum im Gesamtjahr von 0,5 %, nach 1,9 % im Jahr 2010. Es wird aber aus den Prognosen bereits eines klar: Europa wird auch 2012 nicht zu einem Zugpferd für die Rohstoffmärkte werden.

Vielleicht können die USA helfen? Überraschenderweise ist die Hoffnung auf die USA gar nicht mal so unbegründet. Nach einem Stillstand im Sommer begann der Arbeitsmarkt dort, sich stetig zu erholen. Die Arbeitslosenquote sank von 9,4 % auf 8,6 %  am Jahresende. Das Forschungsinstitut Conference Board attestiert der Entwicklung des Konsums außerdem die besten Noten seit April 2011. Auch der US-Dollar tendierte zum Jahresausklang fester, unter anderem auch deshalb, weil Gelder aus Europa in die USA repatriiert wurden. Eine höhere Nachfrage nach Rohstoffen aus den USA könnte helfen, die Wachstumsverlangsamung in Europa und Asien zu kompensieren, wenn auch nur zum Teil.

Ob der US-Dollar noch deutlich stärker wird, bleibt abzuwarten. Ein weiter stärker tendierender US-Dollar würde tendenziell auch die Rohstoffpreise, die in der Mehrheit eben in US-Dollar notieren, belasten. Denn diese sind negativ korreliert zum US-Dollar – sinkt er, dann steigen Rohstoffe und umgekehrt. Dabei spielt vor allem die Notierung des US-Dollar gegenüber dem Euro eine Rolle. Das Währungspaar ist das meistgehandelte weltweit und gibt die Richtung der Rohstoffe vor: Es steigt, wenn die Risikoneigung der Anleger zunimmt, und fällt, wenn sie abnimmt. Der bekannte Rohstoffinvestor Jim Rogers rechnet mit einer Erholung des Währungspaars. Es könnte gerade wegen der negativen Stimmung beginnen zu steigen, so Rogers. Tatsächlich sind die Wetten auf einen fallenden Eurodollar Ende Dezember auf einen neuen historischen Höhepunkt gestiegen.

Metalle: zu viel Angst?
Industriemetalle fielen im vergangenen Jahr kräftig, wobei Zinn, Nickel und Zink um je ein Viertel bis zu einem Drittel und Kupfer, Blei und Aluminium um je ein Fünftel günstiger wurden. Die Korrektur wurde begünstigt durch die Furcht, dass China bei der gewollten Abschwächung der eigenen Wirtschaft übersteuern und eine Wirtschaftskrise auslösen könnte. Die Industriemetalle orientieren sich engmaschig an der Konjunktur, speziell aber an der Entwicklung der chinesischen Einfuhren. Da war Zurückhaltung angesagt – Baukonzerne und andere Unternehmen wollten wegen den schlechten Konjunkturaussichten nicht riskieren, große Lagerbestände aufzubauen.  Außerdem hatten sie ausreichend hohe Lagerbestände bereits aufgebaut, aus denen sie sich bedienten. Das senkte die Metallnachfrage und belastete die Preise.

Einige Metalle, wie Nickel oder Aluminium, notieren bereits auf der Höhe der Grenzkosten der Produktion, sodass einige teuer produzierende Minen und Schmelzer bei weiter fallenden Preisen gezwungen sein könnten, Fertigungsmengen zu senken, um Verluste zu vermeiden. Dass China seine Bereitschaft signalisiert hat, seine Geldpolitik wieder Schritt für Schritt zu lockern, wie auch die Verbesserung der Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft könnten den Industriemetallen im ersten Quartal 2012 auf die Sprünge helfen.

Energie: die US-Sonderrolle
Fester tendierten im Jahr 2012 hingegen die Preise für Energie. Brent-Öl wurde im Jahresverlauf um fast 14 % teurer, während die US-Sorte WTI um fast 9 % stieg. Die europäische Ölsorte Brent erlebte dabei eine Renaissance: Obwohl weltweit relativ zu WTI weit weniger davon gefördert wird, wurde Brent im Jahr 2011 zur weltweiten Referenz für die Ölpreisentwicklung. Das liegt an einer Sondersituation, die auf dem US-Markt für Erdöl herrscht. Dort gab es ein Überangebot an Öl, was zu einer Abkopplung von WTI vom Weltmarktpreis führte. Zeitweise kostete WTI im Herbst 27 US-Dollar weniger als Brent. Während Brent im Jahresverlauf stetig über 100 US-Dollar notierte, sackte WTI zeitweise bis auf 75 US-Dollar ab. Zwar hat sich die Preisdifferenz Anfang Januar auf 9 US-Dollar verringert, doch dürfte die Situation auf dem US-Ölmarkt auch weiterhin in bedeutsamem Maße durch Schwankungen des dortigen Ölangebots beeinflusst werden, während Brent ein besseres Spiegelbild des weltweiten Ölmarktes abgeben dürfte.

2012: das Jahr von Gold  und Silber
Kein einheitliches Bild zeigen die Edelmetalle. Gold stieg, und zwar gegenüber dem Euro um 13,6 % und gegenüber dem US-Dollar um  9,6 %. Allerdings blieb am Jahresende keine positive Performance für die industriell genutzten Metalle Silber (–9,66 %) sowie Platin (–22,4 %) und Palladium (–21,3 %) übrig. Silber zeigte im Verlauf des Jahres 2011 die wohl verrückteste Entwicklung der Edelmetalle. Kostete eine Unze Silber im April noch fast 50 US-Dollar, hatte sich der Preis fünf Monate später schon fast wieder halbiert. Aus charttechnischer Sicht ist die Marke von 25 US-Dollar pro Unze immens wichtig. Sie sollte am Ende einer Woche nicht mehr unterschritten werden, um das unmittelbare positive Szenario zu wahren, das wir für Silber sehen. Das Edelmetall dürfte nach einem Test der Tiefs bei 25 US-Dollar wieder bis auf 50 US-Dollar oder sogar darüber hinaus ansteigen. Dieses unmittelbare Rally-Szenario wäre hinfällig, sollte es zu einem Wochenschlusskurs deutlich unterhalb der Unterstützungsmarke von 25 US-Dollar kommen. Dann wären sogar deutliche weitere Verluste möglich, denn damit wäre auch die Ähnlichkeit zum Preisverlauf aus dem Jahr 1980 nicht mehr übersehbar. Damals entwickelte sich Silber ähnlich, als es zunächst bis auf 50 US-Dollar stieg und dann ähnlich wie jetzt auch wieder dynamisch einbrach, aber darauffolgend nicht mehr anstieg, sondern jahrzehntelang in einen Bärenmarkt eintrat. Ein weiterer dynamischer Kursrückgang ist allerdings nicht das präferierte Szenario.

Tabelle 1

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